Zum Gottesdienst am Buß-und Bettag hat der Landtagsabegeordnete Reinhard Kahl in der Kirche Allendorf (Eder) eine Kanzelrede gehalten

v.l.Pfarrer Gerald Rohrmann, Reinhard Kahl, Vera Junghenn
Foto: Erwin Strieder
Kanzelrede
Liebe Gemeinde,
„Gott gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden“ Mit diesen Zeilen aus dem Evangelischen Gesangbuch möchte ich meine Kanzelrede beginnen. Kanzelreden wurden nach meiner Recherche im Jahre 1997 von der evangelischen Akademie Tutzingen aus der Taufe gehoben. Die Kanzelrede zeigt: Die Kirche öffnet sich der Welt und gleichzeitig verdeutlicht die Kanzel in der Kirche die ethische und theologische Dimension, der sich der Kanzelredner verpflichtet oder der er zumindest nahesteht. Im weitesten Sinn steht damit die Kanzelrede in der protestantischen Predigt-Tradition.
Für mich ist diese Kanzelrede eine besondere Herausforderung und eine Premiere zugleich. In dieser Kirchengemeinde aufgewachsen und lange gelebt, ist dies heute auch eine emotionale Situation, zurück zu den Wurzeln, sei es nun die Jungschar, die Konfirmandenzeit oder auch die Zeit als Erwachsener in dieser Kirchengemeinde. Die vielfältige Arbeit – besonders als damals junger Mensch – in der Kirchengemeinde hat mich nachhaltig geprägt. Auch der Bau dieser Kirche, den ich als Jugendlicher miterlebt habe und an dem sich viele Gemeindemitglieder aktiv beteiligt haben, bleibt mir in Erinnerung.
Der Buß- und Bettag ist für evangelische Christen ein Tag der Besinnung und der Neuorientierung. Dabei dient dieser Gedenktag dem Nachdenken über individuelle und gesellschaftliche Irrtümer oder anders ausgedrückt: Es geht um bewusstes Leben. Dieser Feiertag wurde in den 90ziger Jahren zum politischen Zankapfel, als er zur Finanzierung der Pflegeversicherung in fast allen Bundesländern abgeschafft wurde.
Dabei hat der Bußtag – wie es Bischoff Hein ausdrückt - seinen festen Platz im kirchlichen Festkalender. Besinnung und Neuorientierung, dabei geht es zuerst immer um uns selbst. „Buße ist immer etwas Persönliches. Wer Buße tut, der weiß: Ich soll mich wieder zu Gott hinwenden, kein anderer kann das für mich tun. Mein Leben ist nicht richtig gelaufen. Es soll anders werden. Es darf anders werden, weil Gott mich einlädt, Buße zu tun.“ So hat der langjährige Pfarrer der Allendorfer Kirchengemeinde – Alfred Rührup seine Predigt zum Buß- und Bettag 1983 eingeleitet.
Zum Buß- und Bettag des letzten Jahres hat der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider erklärt: Innehalten tut not und tut gut. Innehalten und das Hasten des Alltags unterbrechen, sich besinnen, wo man steht und wofür man steht…Der Bußtag ist ein wirksames Mittel gegen Resignation. Wir müssen nicht die Köpfe hängen lassen, im Gegenteil. Im Vertrauen auf Gottes Gnade und seine Bereitschaft uns zu vergeben, dürfen wir im Gebet seine Nähe suchen. Wir dürfen bei ihm einkehren und von dort aufbrechen zur Neugestaltung unseres Lebens und unserer Welt“
Neugestaltung: Dazu passt die kleine Geschichte von Bert Brecht: Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte. Oder kurz gesagt: Besser umkehren als fehlgehen.
Martin Buber erklärt es folgendermaßen: „Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering – die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.“
Es geht also um die Entscheidung jedes Einzelnen und dabei sind wir bei dem Begriff der Freiheit. Freiheit des einzelnen Menschen ist im Kern ein urbibliches Thema und zugleich ein Begriff, der die evangelische Kirche prägt. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, schreibt der Apostel Paulus im Galaterbrief. Mit Martin Luther ist der Begriff von der Freiheit des Christenmenschen verbunden. Dabei ist Freiheit im biblischen und reformatorischen Sinn eben nicht der unbegrenzte Individualismus, der Egoismus und das Recht des Stärkeren, sondern die Verantwortung gegenüber den Mitmenschen, der Schöpfung und vor Gott.
Auch die Präambel des Grundgesetzes wird eingeleitet mit den Worten: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen“ und steht damit in der Tradition der abendländischen christlich-jüdischen Kultur, der Aufklärung und der Demokratie. Freiheit und Verantwortung ist auch das große Thema unseres Bundespräsidenten Joachim Gauck. Für ihn ist diese Verbindung zweier zentraler Werte die Grundlage einer christlich geprägten und demokratisch legitimierten menschlichen Verantwortungsethik. Die christlichen Begriffe von Freiheit und Nächstenliebe und das politische Begriffspaar von Freiheit und Solidarität haben eine große gemeinsame Schnittmenge.
In unserer heutigen Welt der Globalisierung, der Dominanz der Finanzmärkte über die Staaten, der Vorrang der Ökonomie vor demokratisch legitimierter Politik, ist die Wiederbelebung des Vorrangs von Freiheit und Verantwortung nötiger denn je. Nicht nur unter dieser Prämisse ist das Wertepaar Freiheit und Verantwortung durch den Wert Gerechtigkeit zu ergänzen.
Für Margot Käßmann heißt dies, dass der christliche Glaube eine radikale Freiheit im Gepäck hat, sich in die Welt einzumischen. Der Glaube an Jesus Christus, seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung vertröste nicht auf ein besseres Jenseits. Er ermutige vielmehr dazu, in dieser Welt für Gerechtigkeit zu streiten.
Das Kreuz könne niemals ein Herrschaftssymbol sein, auch wenn es in der Kirchengeschichte entsetzliche Irrtümer gegeben habe, in denen ein solcher Zusammenhang hergestellt worden sei. Kreuz und Macht – das passt nicht zusammen.Das Kreuz sei vielmehr ein Zeichen des Respektes vor der Würde des Menschen. Erfolg und Leistungsfähigkeit dürfen dabei nicht zum Maßstab gemacht werden, so Käßmann.
Im Zusammenleben der Menschen ist Gerechtigkeit nicht nur Rechtsstaat und Gleichheit vor dem Gesetz, sondern auch soziale Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit ist keineswegs ein veralteter Begriff. Gesellschaftliche und rechtliche Emanzipation der breiten Masse der Arbeiter war sicherlich ein zentraler Punkt für soziale Gerechtigkeit in der aufkommenden und weiter entwickelten Industriegesellschaft.
Armut, besonders Altersarmut, Ausgeschlossensein und Benachteiligung sind auch in unsere Gesellschaft längst nicht überwunden. Soziale Gerechtigkeit unter heutigen Bedingungen d. h. Verteilungsgerechtigkeit Beteiligungsgerechtigkeit und Befähigungsgerechtigkeit. Bildung und Ausbildung ist damit ein wichtiger Punkt für soziale Gerechtigkeit. Gute Bildung eröffnet Beteiligungsmöglichkeiten der Menschen und fördert Selbstverantwortung. Bischof Huber sagt in diesem Zusammenhang: „Wer Jugendliche nicht beteiligt, wer ihnen keine Möglichkeit zur Ausbildung und danach zu einer eigenen Erwerbstätigkeit eröffnet, rührt an den Kern der sozialen Gerechtigkeit.“ Und ich füge selbst im Hinblick auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland oder Spanien hinzu. Wer den Euro retten will, aber die besorgniserregende Jugendarbeitslosigkeit ignoriert, verliert eine ganze Generation.
Im Hinblick auf Wirtschaft und Globalisierung zitiere ich noch einmal Altbischof Huber: Wir müssen dahin kommen, dass wirtschaftliches Handeln wieder als kulturelles Handeln begriffen wird.
Nur wenn weiterhin nach dem Sinn wirtschaftlichen Handels gefragt wird, können wir auch unter den Bedingungen einer globalisierten Wirtschaft das uns Mögliche tun, um dem Leitbild einer sozial verantworteten Wirtschaft … eine Zukunft zu geben. Dazu ist es notwendig, dass sich die Effizienz des Wirtschaftens mit einer klaren Wertorientierung verbindet. Wir brauchen eine neue Synthese von Effizienz und Sinn.“
In den 12 Thesen der EKHN zur Zukunft des Sozialstaates und unsere Verantwortung heißt es unmissverständlich und klar zur Wirtschaft: „Die Wirtschaft ist für die Menschen da, nicht der Mensch für die Wirtschaft.“
Meine Prämisse des Zusammenhangs von Freiheit, Verantwortung und soziale Gerechtigkeit findet sich theologisch „übersetzt“ auch in der 6. These der schon angesprochenen Worte der Synode: Kirche nimmt ihre Verantwortung für die Gesellschaft wahr, indem sie zentrale Leitbegriffe der jüdisch-christlichen Tradition wie Gerechtigkeit, die Untrennbarkeit von Gottes- und Nächstenliebe und Freiheit als Leitbegriffe für die Lösung gegenwärtiger Probleme öffentlich einbringt. Sie gelten nicht nur für das Verhalten der Einzelnen. Auch staatliche und nichtstaatliche Organisationen brauchen zur Orientierung übergreifende Zielvorstellungen.“
Gesellschaftliche Verantwortung ist Auftrag der Kirche, da das Evangelium auch die Welt gestalten will. „Nicht Politik machen, sondern Politik möglich machen“, so beschreibt Nikolaus Schneider den Auftrag der Kirche und erläutert weiter: „Die gegenwärtige Gesellschaft ist durch Vielfalt und Unübersichtlichkeit, durch Vereinzelung und Interessenskonflikte gekennzeichnet. Damit steigt der Bedarf an Kommunikation, Verständigung und integrierenden Kräften. Die Kirche sucht und fördert den Dialog, damit Gleichgesinnte sich finden und Fremde sich begegnen können. Sie versteht sich aber auch als Anwälte derer, die im gesellschaftlichen Diskurs nicht oder zu wenig vorkommen, weil ihre Stimme zu schwach ist.“
Lassen sie mich noch auf zwei aktuelle Punkte eingehen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Heiligen Land machen uns alle sehr betroffen. Für uns als Deutsche – auch vor dem Hintergrund unserer Geschichte - ist das Existenzrecht des Staates Israel unantastbar. Die ständige Bedrohung israelischer Städte und Dörfer durch Raketenbeschuss von Extremisten aus dem Gazastreifen muss aufhören. Aber auch die Rechte der Palästinenser müssen gleichberechtigt gesehen werden. Deshalb ist der Waffenstillstand ein gutes Signal. Krieg ist keine Lösung sondern bedeutet immer Leid und Tragödie für die Zivilbevölkerung. Es ist schon absurd, dass im Heiligen Land der drei großen monotheistischen Religionen Gewalt statt friedlichem Zusammenleben seit Jahren schon Realität ist.
Ausländerfeindlichkeit, Fremdenhass, latenter Antisemitismus und militanter Rechtsextremismus ist leider eine akute Gefahr in unserer Gesellschaft. Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit ist kein isoliertes Problem in Ostdeutschland, sondern kommt teilweise aus der Mitte der Gesellschaft und auch bei uns gibt es dafür Beispiele. Die Gemeinsamkeit aller Demokraten muss hier immer wieder ein klares und unmissverständliches Signal setzen. In diesem Zusammenhang denke ich an Martin Niemöller: „Als die Nazis die Kommunisten holten habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Für mich war Niemöller eine Persönlichkeit mit hohem christlichem Verantwortungsgefühl, der mir viel Orientierung gegeben hat und der sich als Kirchenpräsident selbst als „Revolutionär für die Freiheit des Geistes und des Glaubens, für den Frieden und die Gerechtigkeit“ nannte.
Eine Kanzelrede ist keine Verkündigung, eine Kanzelrede gibt keine theologisch begründete Antwort auf wichtige Herausforderungen unseres Lebens. Meine Kanzelrede sollte vielmehr Denkanstöße geben - auch im Zusammenhang von christlichen Werten und Politik. Dazu gehört eigentlich der weitere Dialog. Der Mensch als soziales Wesen ist auch ein kommunikatives Wesen auf der Basis ethischer Werte. In diesem Zusammenhang zitiere ich gern den heiligen Benedikt: „Tue nichts ohne Rat, dann brauchst du hinterher nicht zu bereuen.“
Lassen Sie mich schließen, in dem ich an den Propheten Amos, der oft auch als Prophet der Gerechtigkeit bezeichnet wird, erinnere. Seine klare und zeitlose Vision heißt: „Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“